Passierschein A38
datgosch
Gepostet am 26. Februar 2012
Ehe braucht gewissenhafte Voraussetzungen. Das leuchtet ein. Die Eheschließung braucht ebenso Voraussetzungen, wenn auch andere.
Vorrangig ist vom zuständigen Standesbeamten formsicher zu prüfen, dass man überhaupt existiert. Was mich zu der These führt, dass Standesbeamte offensichtlich an Gespenster glauben und dazu noch nicht mal bereit sind, anderer Leutes Nase zu stupsen, um festzustellen, dass sein Gegenüber tatsächlich aus Fleisch und Blut besteht. Nein. Überflüssigerweise brauchen Standesbeamte Geburtsurkunden.
Also führt mich mein Weg ins beschauliche Duisburg Hamborn, in sein noch beschaulicheres Rathaus, mit seinem allseits beliebten inhäusigen Restaurant Ratskeller ohne Kegelbahn. Der Ratskeller ist jedoch geschlossen, denn scheinbar hat um 08:00 Uhr morgens niemand Lust nicht zu kegeln. Unverständlicherweise.
Laut Beschilderung erhalte ich das ersehnte Papier im 2. Stock. Mit einem solch beschwerlichen Verlauf meiner Mission hatte ich nicht gerechnet. Der Schock sitzt tief. In schwindelerregenden Höhen angekommen erwarten mich zunächst drei Trauräume, an denen lieblose Zettel heften, man dürfe auf keinen Fall klopfen. Unfassbar empört über diese Anstiftung zur Unhöflichkeit folge ich dem langen Korridor und schreite Bürotüren ab.
Im ersten Zimmer ist es dunkel, keiner da. Beim zweiten Raum handelt es sich um eine Damentoilette, ich habe jedoch keinen Bedarf. Der dritte Raum ist eine Herrentoilette, zwei von drei Kabinen sind besetzt. Das vierte Zimmer ist ein staubiger Aktenraum, auf der Fensterbank steht ein Hamsterkäfig neben einer Topfpflanze. Zimmer fünf ist abgeschlossen, ich höre ein leises Wimmern. Im sechsten Büro sitzen drei ältere Damen in Strickmode, die mir berichten, ich sei hier falsch. Im siebten Raum sitzen zwei Herren in der Wanne und streiten um eine Ente. Der achte Raum beherbergt drei Chinesen und ein Kontrabass. Zimmer 9 bietet eine fantastische Aussicht über Paris. Die Räume 10, 11 und 12 sind nur für Mitglieder. In Raum 13 schellt das Telefon, ich gehe ran und eine junge Mädchenstimme weissagt, ich sei in sieben Tagen tot. Im 14. Zimmer sitzt Helmut Schmidt und raucht. In Raum 15 reißen Scobby-Do und Shaggy dem Hausmeister gerade die Maske runter.
Ich erreiche das Ende des Korridors. Die letzte Tür.
Eine junge Frau bittet mich, draußen noch einen Moment Platz zu nehmen, sie rufe mich gleich rein. Ich habe die Wahl zwischen drei Stühlen und nehme den linken. Durch die geschlossene Tür vernehme ich Tassengeklimper und gute Stimmung. Man unterhält sich über das gestrige Abendprogramm. Es riecht nach Seife und Heizungslack. Weiter hinten im Gang trabt ein deprimiertes Rhinozeros und heult blaue Blumen. Ich werde herein gerufen.
Fortsetzung folgt …

Sehr schön! Schreib bitte weiter
Trauräume…
Sind das die, die wegen schlechten Betragens ein “M” abgeben mussten?
Bitte, macht wenigstens eine Riesenparty zur Hochzeit. Wenn ihr Euch trennt, könnt ihr wenigstens sagen: Es war eine Riesenparty. Das ist das, was bleibt, die Party. Party ist eigentlich immer das, was bleibt. Eingentlich ist das eh alles. Party. Und ohne Party ist alles nichts. Und Reis streuen. Damit die Vampire was zu zählen haben.
(Sorry, bin ein gebranntes Kind. Aber die Party war Klasse.)
Trauräume, das sind die, die mal Stauräume waren, in denen aber das S verloren ging und ein r gefunden wurde.
Momentmal … wir müssen ne Party geben? Das wird mir jetzt aber ein bisschen zu anstrengend. Ne schnelle Unterschrift im Vorbeifahren an der Autobahnkirche Köln-Nippes ist also nicht drin?
Da war das Rhinozeros also. Ich hatte es zwischendurch mal kurz aus den Augen verloren. Ich harre übrigens in geduldiger Starre der Fortsetzung.
Ich hörte Palladium-Hochzeitsglocken läuten und eine mir bekannte Wahrsagerin hatte die Vision einer Hochzeitsreise nach Mallorca (genau so gesprochen wie geschrieben, also ohne j und mit a statt r).
Zur Feier des Tages gäbe es dreistöckige Torte, halbe Hähnchen mit Pommes satt für alle, und die Braut habe schlotrauchend im Angesicht des Ereignisses 5 volle Kilogramm abgenommen.
Nach einer kurzen Pause stöhnte meine Bekannte auf, zündete ihre Pfeife wieder an, schloss den Google Reader und flüsterte: “Ohne Gewähr, mein Lieber, ohne Gewähr. Aber du weisst, dass ich mich nie irre!”.
Am nächsten Tag schrieb ich einen ganz, wirklich ausserordentlich ganz herzlichen Glückwunsch in ein Kommentarfeld und zündete eine Kerze an, auf dass Petrus Mallorca mit dem schönsten Frühlingswetter beglücken werde, das die Insel je erlebt hatte.
So ein schöner Kommentar, da geht einem das Herz auf! Ich danke dir.
Diese Wahrsagerin ist mir nicht geheuer. Hexenwerk, sag ich, Hexenwerk! Wobei … letztlich habe ich doch tatsächlich geträumt, ich hätte einen Post geschrieben und am nächsten Tag direkt wieder gelöscht, weil ich ihn so schrecklich deprimierend fand. Gruselig. Ist an den Weissagungen vielleicht doch was dran? Vielleicht hilft da Schreibtherapie? Ich werde mich bemühen. Ganz ehrlich.